Herausragende
Inszenierung & Dramaturgie

Kathrin Mayr / Clemens Mädge
„Fabian oder der Gang vor die Hunde“
monsun.theater

Die Begründung der Jury lautet:
Ein überzeugender dramaturgischer Kunstgriff: Clemens Mädge hat den satirischen Roman „Fabian“ von Erich Kästner, der aus der Perspektive eines Werbetexters den Tanz auf dem Vulkan in Berlin der Dreißigerjahre beobachtet, geschickt für das monsun.theater bearbeitet. Vier Darsteller*innen präsentieren Momentaufnahmen eines politisch und moralisch ins Wanken geratenen Deutschlands. Der Clou dabei ist, dass sie den Spielverlauf dem Zufall überlassen, denn ein riesengroßes, die Bühne beherrschendes Glücksrad bestimmt das Geschehen. Seine Felder enthalten statt Zahlen Symbole und stehen für die unterschiedlichen Lebensstationen von Fabian. Wenn der rotierende Zeiger stehen bleibt, springen die Beteiligten umgehend in die jeweils entsprechende Szene, und wenn er wiederholt dasselbe Feld ansteuert, dann müssen sie blitzschnell eine Variation erfinden, damit das rasante Tempo nicht lahmt und die angesichts der zersplitterten Handlung intellektuell herausgeforderten Zuschauer*innen hellwach bleiben. Der Regie von Kathrin Mayr ist es zu verdanken, dass das Ensemble dieses atemlose Spiel von Glück, Verführung, Zufall und Verzweiflung perfekt verkörpert und uns Kästners Warnung vor dem politischen wie sozialen Müßiggang und Verfall beängstigend vergegenwärtigt.

 

Herausragendes
Bühnenbild

Zita Schábel
 „Das Schloss“
SchauSpielHaus Hamburg

Die Begründung der Jury lautet:
Das ist kafkaesk. Das oft zitierte Adjektiv, Ausdruck der Stimmungen und Atmosphären, die Franz Kafka in seinen Werken schuf, findet in Zita Schnábels Bühnenbild für Victor Bodos Inszenierung „Das Schloss“ von Kafka im Deutschen Schauspielhaus eine eindrucksvolle materielle Ausformung. Zita Schnábel hat ein mehrstöckiges Gerüst aus Metall mit Treppen, Gängen, Plattformen und Verstrebungen entworfen, das einem Baugerüst gleicht. Aber es umschließt kein Gebäude, das gebaut wird. Es erscheint Selbstzweck zu sein für die vielen Arbeiter*innen, Beamt*innen, Sekretär*innen, Kantinen-Servicekräfte, den Vorsteher, den Bauleiter, den Sicherheitschef, die da fast im Minutentakt über die Treppen und Gänge eilen, laufen, klettern, stolpern. Besser kann man das Unerreichbare, Unheimliche, Unfassbare, kurz den von Kafka thematisierten Irrsinn kaum bauen. So wird Kafka anschaulich.

 

Herausragende Darstellerin / Herausragender Darsteller

Ute Hannig
als Ora in "Eine Frau flieht vor einer Nachricht"
SchauSpielHaus Hamburg

Die Begründung der Jury lautet:
Aus Schreien im Dunkel entsteht eine Figur: Bunkerszene, Weltende. Ute Hannig spielt die schreiende Ora. Nur mit der Modulation ihrer Stimme lässt Ute Hannig die Sechzehnjährige Wirklichkeit werden, ohne Requisiten und Maske wird sie sich gleich in Afram verlieben. Sekunden später ist sie Oras Mutter Mitte dreißig, steht in der Küche, kocht, metzelt, zerhackt mit ihren Wortsalven Salat und zugleich die Brigaden der Gerechten, den Dschihad, mitsamt allen falschen Heiligen. Ihr Sohn hat sich freiwillig zur israelischen Armee gemeldet – der zu erwartenden Nachricht von seinem Tod wird sie auf Wanderschaft in permanenter, ausgreifender Bewegung entfliehen – eine den Atem stocken lassende Zeit- und Seelenreise unternimmt Ute Hannig mit ihren Spielpartner*innen im Malersaal. Ergreifendes Zeittheater ohne Lösung. Der Krieg vernichtet alles Private in Israel – Ute Hannig rückt das spielerisch nah, erschreckend wahr.

 

Freja Sandkamm
als Violetta in "La Traviata"
Opernloft

Die Begründung der Jury lautet:
In der Inszenierung von Inken Rahardt wurde die Handlung von Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ kurzerhand in ein Spielcasino verlegt – betrieben von Violetta und Flora, die hier nicht nur gute Freundinnen, sondern auch erfolgreiche Geschäftspartnerinnen sind. Auch wir Zuschauer*innen wurden als Casino-Besucher*innen und Spieler*innen in die Handlung integriert. Das Ensemble agierte an den Spieltischen, sang, tanzte und verbreitete Partystimmung...und dann kam SIE und zog sofort alle Aufmerksamkeit auf sich:
Freja Sandkamm legte so viel Gefühl und Temperament in ihre Darstellung der Violetta, dass nicht nur Alfredo, sondern das gesamte Publikum sich auf Anhieb in sie verliebte. Stimmlich absolut überzeugend, ausdrucksvoll und in den Höhen sehr klar – ließ sie uns mitfeiern, -fiebern und -leiden. Eine aus einem insgesamt sehr guten Ensemble herausragende Leistung dieser jungen Sopranistin, auf deren zukünftige Auftritte wir uns jetzt schon freuen!

 

Maria Hartmann
als Fran in "Dinge, die ich sicher weiß"
Ernst Deutsch Theater

Die Begründung der Jury lautet:
Sie ist ein fester Begriff in Hamburgs Theaterwelt. Maria Hartmann stand schon auf vielen Bühnen der Stadt, insbesondere hier auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters, auf der sie in verschiedenen Rollen begeisterte. In der letzten Spielzeit setzte sie ein besonderes Highlight in dem hervorragenden Stück „Dinge, die ich sicher weiß“ von Andrew Bovell, über das Kinder-Eltern Verhältnis in einer „Vorstadt“-Mittelklasse-Familie. Da stehen nicht wie so oft die sich abnabelnden Kinder im Mittelpunkt, sondern das, was dieser Vorgang mit den Eltern macht. Mit Fran zum Beispiel, der Mutter, die genau zu wissen meint, was für ihre Kinder richtig und gut ist und die gewohnt ist, sich durchzusetzen. Maria Hartmann spielt sie mit einer Energie, die einen förmlich in den Sessel zurückdrückt, als die Familie beherrschendes Muttertier im leidenschaftlichen Einsatz für die Kinder, geprägt vom Aufstieg aus der Arbeiter*innenklasse. Mit ihrem großartigen Spiel zeichnet sie eindrucksvoll eine starke Frau, die mit dem Auszug der Kinder zur tragischen Figur wird.

 

Sebastian Zimmler
als Jakub Zapiro in "Der Boxer"
Thalia Theater

Die Begründung der Jury lautet:
Es ist sein Kampf gegen das Elend der Herkunft. Es ist sein Kampf zwischen den Klassen. Und es ist auch sein persönlicher Kampf gegen den aufkeimenden Faschismus im Warschau der 1930er-Jahre - eine düstere Warnung damals wie heute. Inmitten dieser selbstbetitelten „Ballade Noir über das Böse“ sucht Sebastian Zimmler als jüdischer Boxer Jakub Shapiro mit charismatischem Stolz und betörend kraftvoll nach seinem „Lucky Punch“ im Ring des Lebens. Auch wenn die Regisseurin die Geschichte aus der Perspektive der drei Frauen erzählt, die Shapiros Leben teilen, so ist es trotz dieser starken Sparring-Partnerinnen am Ende der große Kampf von Zimmler, der mit vollem Körpereinsatz, spielerischer Verve und präziser Milieustudie das Publikum im besten Sinne k. o. schlägt.

 

Stephan Benson / Christian Nickel
in "Bruder Norman"
Polittbüro

Die Begründung der Jury lautet:
Diese zwei Schauspieler verkörpern brillant ein denkbar ungleiches Brüderpaar: Der eine verdrängt und verklärt brutal, der andere legt die Finger in die Wunden und prangert an. Angelegt als Dialog entpuppt sich der Abend als schauspielerische Sezierstunde von Niklas am Totenbett von Bruder Norman. Diesem psychologisch genauen und schmerzhaften Kammerspiel zweier fulminanter Charakterdarsteller liegt die Geschichte von Hans Frank zugrunde, der als Generalgouverneur von Polen und sogenannter „Judenschlächter von Krakau“ in die Geschichte einging. Ihre gesprochene Wucht der Worte ist gnadenlos, die Wucht des Zusammenspiels von Benson und Nickel schlichtweg umwerfend. Ihr Ausfechten um die Wahrheit ist verstörend emotional, ihre Vergangenheitsbewältigung dieses schrecklichen Familienerbes ein packender Schlagabtausch, den niemanden kalt im Theatersessel zurücklässt.

 

Barbara Auer / Johann von Bülow
als Judith & Polizist in "Heilig Abend"
St. Pauli Theater 

Die Begründung der Jury lautet:
In Daniel Kehlmanns Theaterstück „Heilig Abend“ geht es um eine Frau und einen Mann in einem Verhörraum. Barbara Auer als mutmaßliche Attentäterin und Johann von Bülow als Vernehmungsbeamter sind zwei absolut ebenbürtige Gegner*innen in diesem intelligenten Dialogstück - im St. Pauli Theater inszeniert von Ulrich Waller. Wer hier mit wem spielt, lügt oder die Wahrheit sagt, ist nie eindeutig festzustellen. Man ist als Zuschauer*in hin und hergerissen zwischen zwei starken Persönlichkeiten, die sich einerseits scharfe Wortgefechte liefern, andererseits aber auch immer wieder gegenseitig umgarnen. Auer und Bülow sind wechselweise sympathisch und arrogant, wütend und resigniert, überlegen und verzweifelt. Und dabei in jedem Moment absolut glaubwürdig. Das ist spannend von der ersten bis zur letzten Minute und bleibt im Gedächtnis als ein herausragendes Theatererlebnis!

 

Sonderpreis für außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens

alle Hamburger Theater

Die Begründung der Jury lautet:
Der Lockdown hat im März alle Theater zum Schweigen gebracht. Kein Bühnengeschehen, kein Publikum. Die Künstler*innen verstummt. So war es aus Gründen der Sicherheit für die Gesundheit unserer Gesellschaft angeordnet. Doch Theater wären nicht Theater, Künstler*innen keine Künstler*innen, wenn sie still geblieben wären. Es gab Livestreams ganzer Aufführungen, Soloperformances, Garderobengespräche, Kurzfilme, geplante geprobte Premieren fanden virtuell statt – die Theater sind präsent geblieben, wir das Publikum sollten weiter teilhaben können. Die Theater haben uns gezeigt, sie gehören zu unserer Grundversorgung, ihre Präsenz ist ein Grundrecht. Dafür gebührt ihnen unser Respekt und Dank.