Herausragende
digitale Inszenierung

Helge Schmidt
"Tax for free“
LICHTHOF Theater

Die Begründung der Jury lautet:
Helge Schmidt gelingt am Lichthof Theater im Rahmen des innovativen Formates #lichthof_lab, digitaler Experimentierraum und theatrale Streaming-Plattform, der Kunstgriff zurück in Kleists Gerechtigkeitsdrama und verknüpft erneut den abstrakt-absurden Dreiecks-Aktienhandel „CumEx“ und zeigt damit, wie einfach und wirkungsvoll das Thema Gerechtigkeit auf die Bühne gebracht werden kann. Das hochpolitische Dokudrama nimmt dabei den direkten Weg zum Publikum. Zugleich live auf der Bühne und als Livestream erreicht es die größtmögliche Öffentlichkeit. Anfang Juni, als an vielen Bühnen der Abstand im Saal regiert, wird hier für Nähe und Zugang gesorgt. Der große Stoff der politischen Weltbühne wird hier auf kleinstem Raum komprimiert und eindrucksvoll wie künstlerisch übersetzt. Ein Krimi, der im echten Leben geschrieben wurde, nimmt hier grandios jede pandemische Hürde, damit die Gerechtigkeit nicht erneut auf der Strecke bleibt – Happy end also oder doch "to be continued"? Für das Theater wäre zumindest letzteres ein Gewinn!

 

David Bösch, Patrick Bannwart, Falko Herold
 „Weiße Rose“
Staatsoper Hamburg

Die Begründung der Jury lautet:
Welch` ein Glücksfall! Aus dem der Pandemie geschuldeten Notfallprogramm der Staatsoper erwuchs ein zukunftsweisendes neues Format, das hoffentlich auch neue Zuschauerschichten, vor allem junge, erschlossen hat. Die Kammeroper „WEISSE ROSE“ des Komponisten Udo Zimmermann, uraufgeführt vor 35 Jahren am selben Ort, hatte ihr Comeback anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl am 9. Mai nun gänzlich anders, als Graphic Opera, ein filmisches Gesamtkunstwerk, das auf ARTE gesendet wurde. Unter der Regie von David Bösch und Dirigat von Nicolas André entstand ein faszinierender medialer Mix digitaler Ästhetik aus erschütterndem Musikdrama, puristisch überzeugenden Bühnenbild/Kostüm, wunderbar handgezeichneter Animation und sensibler Filmkunst. Frei von einer realistischen Handlung verdeutlicht das Werk die Gefühle, Erinnerungen und Zweifel der beiden Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime in den letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung. Für das Geschwisterpaar Sophie und Hans Scholl standen mit der Sopranistin Marie-Dominique Ryckmanns und dem Bariton Michael Fischer zwei junge Charaktersänger*in zur Verfügung, die in ihren klaustrophobisch engen Zellen jeden Ton der 12 Instrumentalisten mit berstender gesanglichen wie darstellerischen Intensität füllten. Texteinblendungen und Bildanspielungen rahmten die Gedanken- und Seelenwelt der Protagonisten. Insbesondere die schwarz-weißen Scherenschnitte, das Stilmittel dieser Graphic Opera, zur Symbolisierung der Nazigreuel erweiterten die lose Handlung und schufen eine bedrohliche surreale Bildwelt, die das psychologische Spiel in den historischen Kontext einbettete und trotzdem ganz gegenwärtig wirkte. Der Film kreierte eine Mehrdimensionalität und Dichte, die auf einer analogen Bühne so gar nicht hätte entstehen können. Das Erstaunliche: Proben- und Drehort war ausschließlich die Raumbühne der opera stabile. Ein „Making of“ bietet über den Produktionsprozess erhellende Einblicke.

 

Herausragende Darstellerin / Herausragender Darsteller

Thomas Niehaus
als Ingwer Feddersen in "Mittagsstunde"
Thalia Theater

Die Begründung der Jury lautet:
In der sehr gelungenen Inszenierung von Anna-Sophie Mahler mit einem insgesamt großartigen Ensemble hat uns Thomas Niehaus besonders beeindruckt.
Er führt uns als Erzähler durch die Handlung bzw. durch das Dorf Brinkebüll und die Geschichte seiner Bewohner*innen. Dabei gelingt ihm scheinbar mühelos der stetige Wechsel zwischen distanziertem Erzähler, Sänger / Multi-Instrumentalist und Darsteller des „Ingwer“ in mehreren Zeitebenen. Dieser Ingwer ist gutmütig, sympathisch-stoffelig, humorvoll und dabei zutiefst melancholisch – wie überhaupt die gesamte Geschichte, die auf der Bühne erzählt wird. Ein wunderbarer Abend und eine herausragende Leistung von Thomas Niehaus.

 

Ines Nieri
als Mädchen, Wolf und Hure in "Tyll"
Ernst Deutsch Theater

Die Begründung der Jury lautet:
Vielseitig ist sie, temperamentvoller Einsatz und intensives Schauspiel zeichnen sie aus. Am Ernst Deutsch Theater zeigte Ines Nieri in Erik Schäfflers Inszenierung „Tyll“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann ihr Können gleich in vier Rollen, als quirlige selbstbewusste Bäckerstochter Nele, mit der Tyll fliehen möchte, als Mädchen, Wolf und Hure. Eine große Bandbreite in einer von Lebenslust überbordenden Inszenierung mit Tanz, Akrobatik und Musik und ein neuer Höhepunkt in der beachtlichen Karriere der jungen Schauspielerin, die schon als Kind und Jugendliche in Film und Fernsehen auf sich aufmerksam machte. Ebenso auf Hamburger Theaterbühnen, am Ernst Deutsch Theater, am Monsun Theater und insbesondere am Hamburger Sprechwerk, wo sie, zum Ensemble gehörig, regelmäßig mit herausragenden Auftritten zu sehen war.

 

Eva Mattes
als Kirke in "Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!"
Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

Die Begründung der Jury lautet:
Was für eine majestätische Geste mit der sie das Kunstfellband vom Kopf zieht. Unendlich langsam, den Blick ins abstandhaltende Publikum gewandt. Sie summt, sie tanzt. Magisch: erst Sirtaki dann zelebriert sie lächelnd einen Bauchtanz, verführt und zaubert in ihrem unvergleichlich eigenen Tempo: Eva Mattes. Als Kirke ist sie zurückgekehrt an die Bühne des Schauspielhauses auf der sie in den Siebziger Jahren Theatergeschichte geschrieben hat: mit gerade einmal siebzehn in der Uraufführung von „Stallerhof“, als Desdemona in Zadeks ewig erschütterndem „Othello“. Jetzt ist sie wieder da als endlich gespielt werden darf: In der Uraufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück zur Pandemie „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ verwandelt sie in mitreißender Spiellust als mythologische Zauberin Männer in Schweine. Die Superspreadersause „Kitzloch“ in Ischgl wird zur Kirke-Insel der Odyssee. Im grünen Schlabberanzug lodert sie über die Bühne, zerlegt einen realen Schweinskopf und wähnt in ihrem unvergleichlichen Timbre „Irgend etwas muß doch dahinterstecken....“ Ganz Eva Mattes, ganz großes Theater in dieser grandiosen Kakophonie des Coronageschwätzes am Schauspielhaus."

  

Sonderpreis für außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens

Dr. Carsten Brosda, Behörde für Kultur und Medien

Die Begründung der Jury lautet:
Eineinhalb Jahre (mit sehr kurzer Unterbrechung) keine Einnahmen, eineinhalb Jahre Sorge und Fürsorge um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um Künstlerinnen und Künstler, eineinhalb Jahre Mietverpflichtung, eineinhalb Jahre künstlerisch auf Eis gelegt. Und dennoch musste bisher keines der vielen kleinen, größeren oder ganz kleinen Privattheater schließen. Es gab den Weg der Kurzarbeit, es gab Bundeshilfen, es gab manchmal auch Mietstundungen. Und es gab in Hamburg die Kulturbehörde, die in einzigartiger Weise die Theater in der Not abgefedert hat. „Andere Bundesländer haben uns darum beneidet“ - so der Tenor vieler Intendanten. Hamburg hat dafür viel Geld in die Hand genommen, es wurde unbürokratisch gehandelt, dazu gab es Beratung in jeder Lage, zu jeder Zeit, und immer auch vom Senator selbst. Die Theater in Hamburg - und dabei sind natürlich auch die Staatstheater eingeschlossen - fühlten sich verstanden und sehr gut aufgehoben.
Dafür vergibt die unabhängige Jury des Theaterpreis Hamburg - Rolf Mares 2021 den Sonderpreis an die Behörde für Kultur und Medien - namentlich an ihren Präses Dr. Carsten Brosda.