Herausragende Inszenierung

Murat Yeginer
"Hinter der Mauer ist das Glück"
Theater KONTRASTE

Die Begründung der Jury lautet:
Das Stück: eine intelligente komödiantische Farce, die dabei durchaus ernste Themen (Nationalismus, Fremdenangst, Überwachungsstaat) behandelt. Das Ensemble: ausnahmslos hervorragend. Das Bühnenbild: klug durchdacht und ästhetisch eine Punktlandung. Die Grundlagen, auf der Murat Yeginer seine Inszenierung aufbaute, waren perfekt. Und er hat alle Chancen, die damit verbunden waren, genutzt. Unter seiner Regie bekam das Stück genau die richtige Balance zwischen grotesker Komödie und Gesellschaftskritik – klug, witzig und mit viel Tempo. Sein Humor ist nie platt und die einzelnen Figuren sind keine Stereotypen, sondern trotz ihrer Überzeichnung erstaunlich real. Eine herausragende Arbeit!

 

 

Jette Steckel
"Das achte Leben (Für Brilka)"
Thalia Theater

Die Begründung der Jury lautet:
Eine wahnwitzige Knüpfarbeit – das Geschichtsgewebe von Nino Haratischwilis tausend Seiten Saga „Das achte Leben (Für Brilka)“ auf die Bühne zu wuchten: Jette Steckel macht das in einer atemberaubenden Inszenierung, deren fünf Stunden nur so vorüberfliegen – leidvoll, lustvoll, todtraurig, lebendig – ein Tanz. Langsam und unentrinnbar entrollt sich der gewaltige Teppich, den Bühnenbildner Florian Lösche der Regisseurin gefertigt hat. Er gibt den Handlungsboden, auf dem die Geschichten aus sechs Generationen der georgischen Familie Jaschi sich entwickeln, und ist zugleich Projektionsfläche für die filmische Erweiterung der Bühne. Mit aller Finesse entspinnt Jette Steckel diese Geschichten von Liebe, Sehnsucht, Verrat und niedergeknüppelter Freiheit – mit den Virtuosen des Thalia-Ensembles, das sich in all diese Personen auf wundersamste Art vervielfältigt.

 

 

Dmitri Tcherniakov
"Senza Sangue/Herzog Blaubarts Burg"
Staatsoper Hamburg

Die Begründung der Jury lautet:
Zwei einstündige Operneinakter „Senza Sangue“ und „Herzog Blaubarts Burg“ der ungarischen Komponisten Péter Eötvos und Béla Bartok werden vom Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov so geschickt verknüpft, dass man denken könnte, sie gehörten zusammen, wenn nicht die Entstehungsspanne beider Werke von gut 100 Jahren dagegen spräche. Sieben Szenen einer Nachkriegsgeschichte von Rache bis zur Vergebung werden übergangslos mit der schrittweisen Enthüllung furchtbarer Geheimnisse hinter den sieben Burgtüren des Herzogs verschnitten. Bei beiden Werken handelt es sich um ein subtil psychologisches Kammerspiel beider Geschlechter im Ringen nach Wahrheit. Da die Musik bereits die Seelenabgründe der zur Sprache unfähigen Figuren – besonders der Männer – dramatisch zuspitzt, setzt der Regisseur die szenischen Akzente sparsam. Traumatische Erfahrungen, Obsessionen, Leidenschaften werden von den gesanglich hervorragenden Solisten umso eindringlicher und nachvollziehbarer verkörpert.

 
 

 

Herausragende Darstellerin / Herausragender Darsteller

Christopher Buckley
als Philip
in "Orphans"
The English Theatre Of Hamburg

Die Begründung der Jury lautet:
In dem packenden Drei-Personen-Kammerspiel „Orphans“ von Lyle Kessler am English Theatre of Hamburg ist es vor allem die Rolle des jungen Phillip, die in dieser theatralen Achterbahnfahrt nachhallt. Die New York Times schrieb seinerzeit, das Stuck sei in einem Moment witzig und im nächsten wuchtig und ergreifend. Dies trifft exakt das mitreißende Wechselbad, mit dem Christopher Buckley in seiner Rolle glänzt. Ihm gelingt es, als Gefangener seines eigenen Bruders, einen vermeintlich schwachen und naiven Jungen zu verkörpern, der im ersten Moment allein Zuhause unbeschwert herumtollt, artistisch über Möbel springt und im nächsten, wo sein Bruder heimkehrt, die Stimmung kippen lässt, verängstigt und eingeschuchtert wie ein Tier sich unterwirft. Er vollzieht einen herausragenden Balanceakt zwischen Komik und Tragik, der keinen Zuschauer kalt lässt.

 

Maja Schöne
als Nana
in "Geld"
Thalia Theater

Die Begründung der Jury lautet:
In Luk Percevals Inszenierung der großen Émile Zola-Trilogie steht Nana, die Männer verschleißende und machtberauschte Pariser Kokotte der Belle Époque, als zentrale Figur für den Aufstieg und Fall frühkapitalistischer Gier. Maja Schöne nimmt diese unheilvolle Entwicklung in ihren schlaglichtartig aufeinanderfolgenden Kurzauftritten zu Beginn des zweiten Teils des Familienepos „Les Rougon Macqart“ vorweg. Liegen diesem zierlichen Energiebündel die Liebhaber zu Füßen, wenn sie als glamouröser Varietéstar auftritt, so reduziert sich deren Anzahl erheblich, wenn sie – ihrer Korsage entkleidet und abgeschminkt – die schäbige Showbiz-Treppe hinunterstolpert. Man ahnt das bittere Ende. Wie uns Maja Schöne dann im Laufe des Abends diese Abfolge von Vergnügungssucht bis zum Selbstekel detailliert und facettenreich als Menetekel vor Augen führt, ist brillant.

 

Carlo Ljubek
als Dorfrichter Adam
in "Der zerbrochne Krug"
Deutsches SchauSpielHaus

Die Begründung der Jury lautet:
Der Mann ist das nackte Grauen und im Adamskostum zeigt er seine wahre Natur: Um gesellschaftliche Konventionen oder gar die Wahrheit muss er sich nicht kummern, er ist das Gesetz, der Dorfrichter Adam aus Kleists „zerbrochnem Krug“. Carlo Ljubek kraucht auf allen Vieren, verschrammt, weißgepudert, lustern, verschlagen, diabolisch – ein gefallener Engel und unanfechtbarer Tyrann ist er in Michael Thalheimers schonungslos galliger Inszenierung am Schauspielhaus. Von wegen Lustspiel, auch wenn die heruntergelassene Hose den gesamten Theaterabend lang den richterlichen Klumpfuß umspielt – Adam weiß um das System, das ihm die Macht sichert und die Burger zum Ducken zwingt – das Buhnenbild Olaf Altmanns erzählt beredt davon. Carlo Ljubek zeigt in seiner Entblößung die nackte Wahrheit.

 

Farina Violetta Giesmann
als Tilda
in "Honnig in'n Kopp"
Ohnsorg-Theater

Die Begründung der Jury lautet:
Sie eroberte das Ohnsorg-Publikum im Fluge. Farina Violetta Giesmann begeisterte, bezauberte als Enkelin Tilda des demenzkranken Amandus Rosenbach in Florian Battermanns Komödie „Honnig in‘n Kopp“ nach dem Drehbuch des Films „Honig im Kopf“ von Hilly Martinek und Till Schweiger. Die Enkelin, die ihrem verwirrten Opa eine Reise in die Vergangenheit nach Venedig ermöglicht, gegen alle Vernunft, ungeachtet aller Probleme und vermeintlicher Unmöglichkeiten. Diese junge Heldin verkörpert Farina Violetta Giesmann mit so viel Können und Charme, dass man ihr ihre gerade mal 22 Jahre kaum glauben kann.

 

Peter Bause
als Jacob Weintraub
in "Place of Birth: Bergen-Belsen"
Hamburger Kammerspiele

Die Begründung der Jury lautet:
Wer kennt ihn in Hamburgs Theaterszene nicht, den Mann mit der starken Stimme?!
Peter Bause zählt zu den großen Charakterdarstellern der Stadt. Als „Vollblutschauspieler“ wird er auch bezeichnet. Bevor er Hamburg mit seinen mimischen Talenten eroberte, glänzte er bereits am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble. Seine große Kunst verband Bause an den Hamburger Kammerspielen mit drei erschutternden Solos uber Deutschlands braune Vergangenheit: Nach „Jugend ohne Gott“ und „Die Judenbank“ beeindruckte er insbesondere in „Place of Birth: Bergen-Belsen“, der unfassbaren Geschichte vom untergetauchten Heinrich Himmler, der befreiten Juden im ehemaligen KZ Bergen-Belsen Eier verkauft. Bause spielt nicht nur einen Mann, der im KZ Bergen-Belsen geboren wurde, sondern ebenso alle anderen Personen des Stuckes, beeindruckt durch spielerische Vielseitigkeit und ganz zarte, leise Töne.

 

Sonderpreis für außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens

Dr. Kerstin Evert
als künstlerische Leitung am
K3 - Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg

Die Begründung der Jury lautet:
Seit März 2007 erarbeiten jedes Jahr drei StipendiatInnen eine eigene Choreographie, gewährleistet durch ein überschaubares Auskommen und gesicherte Proben-Bedingungen für acht Monate. Die seither vergangenen zehn Jahre bedeuten: Jährliche Etat-Auseinander-setzung, Ringen um den Weiterbestand, Kampf zur Absicherung der prekären Arbeitsplätze, KünstlerInnen in ihren ersten Arbeiten begleiten und unterstützen, permanente Vermittlungsarbeit zwischen KünstlerInnen und Publikum – kurz: Zehn Jahre Kärnerarbeit für den zeitgenössischen Tanz in Hamburg, für dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, bei Behörden, bei Stiftungen, bei den Kulturschaffenden. Ein großer Dank dafür an Dr. Kerstin Evert!